Am Mittwoch, dem 25. August 1993, hatte man erneut Gelegenheit,
deutschem TV-Topjournalismus beizuwohnen. In den ARD-Tagesthemen führte
Sabine Christiansen ein Interview mit dem sächsischen Innenminister
Heinz Eggert über die Frage, ob man junge Neonazis in freundliche,
milde Menschen verwandeln könne, indem man sie mit Jugendzentren,
Sozialarbeitern usw. überhäufe. Eggert, dessen Äußeres immer wieder in
Erinnerung ruft, daß die Folge "Amok in Bethel" aus der TV-Serie Peter
Strohm noch immer nicht gedreht worden ist, kippte die
Interviewsituation um und fragte Frau Christiansen: "Wann haben Sie
oder ich das letzte Mal mit einem Rechtsradikalen gesprochen?"
Nun ist allgemein bekannt, daß Sabine Christiansens berufliche
Qualifikation im Besitz eines CDU-Parteibuches besteht, und gerne
erzählten Kollegen, daß sie als einzige in der Tagesthemen-Redaktion
nicht in der Lage ist, sich ihre Nachrichtentexte selbst zu schreiben.
Ihre parteigebundene Beschränktheit macht Frau Christiansen dadurch
wett, daß sie sich bei jeder sich ihr bietenden Gelegenheit an die
Spitze des etwaigen Volkszorns setzt; ihr journalistisches Rückgrat
kommt dem einer Salatschnecke gleich.
Und dennoch hätte selbst sie auf Eggerts o.g. Frage mit Leichtigkeit
antworten können: "Aber wieso? Das tue ich doch gerade", oder ganz
simpel: "Warum? Ist das jetzt Pflicht?"
Es scheint so. Alle Welt sucht das Gespräch mit Rechtsradikalen. Warum?
Haben sie einem etwas zu sagen? Ist nicht hinlänglich bekannt, was sie
denken, fordern und propagieren? Wo liegt der beschworene
aufklärerische Wert, wenn Henryk Broder in der `tageszeitung’ Franz
Schönhuber interviewt?
Muß man an jeder Mülltonne schnuppern? Niemand wählt Nazis oder wird
einer, weil er sich über deren Ziele täuscht, - das Gegenteil ist der
Fall; Nazis sind Nazis, weil sie welche sein wollen. Eine der
unangenehmsten deutschen Eigenschaften, das triefende Mitleid mit sich
selbst und den eigenen Landsleuten, aber macht aus solchen Irrläufern
der Evolution arme Verführte, ihrem Wesen nach gut, nur eben ein
bißchen labil etc., "Menschen" jedenfalls, so Heinz Eggert, "um die wir
kämpfen müssen".
Warum? Das Schicksal von Nazis ist mir komplett gleichgültig; ob sie
hungern, frieren, bettnässen, schlecht träumen usw. geht mich nichts
an. Was mich an ihnen interessiert, ist nur eins: daß man sie hindert,
das zu tun, was sie eben tun, wenn man sie nicht hindert: die bedrohen
und nach Möglichkeit umbringen, die nicht in ihre
Zigarettenschachtelwelt passen. Ob man sie dafür einsperrt oder sie
dafür auf den Obduktionstisch gelegt werden müssen, ist mir gleich, und
wer vom Lager (für andere) träumt, kann gerne selbst hinein. Dort, in
der deutschen Baracke, dürfen dann Leute wie Rainer Langhans, Wolfgang
Niedecken und Christiane Ostrowski zu Besuch kommen und nach
Herzenslust mit denen plaudern, zu denen es sie zieht.
Den Rest der Zeit werden die Berufsdeutschen ein wenig gequält:
Verordneter Antifaschismus all night long! Fritz Teppisch spricht nicht
unter drei Stunden! Aus den Lautsprechern dröhnt verjüdelte Negermusik!
Pflichtlektüre: die schlechtesten Satiren von Ephraim Kishon! Rechte
Winkel und Viervierteltakt sind bei Strafe verboten, die Haare werden
nicht mehr geschnitten. Abends Talkshow mit Henryk Broder und Lea Rosh
- es herrscht Teilnahmspflicht. Und dann geht es ruckzuck ohne
Nachtisch ins Bett - zu Mister Long Dong Silver. So geht das.
Verbaler Antifaschismus ist Käse. Militant soll er sein, vor allem aber
erfolgreich. Wenn sich dabei herausstellen sollte, daß es sich gegen
50, 60, 70, 80 oder 90 Prozent des deutschen Volkes richtet, dann ist
das eben so. Wo Nazis `demokratisch’ gewählt werden können, muß man sie
nicht demokratisch bekämpfen.
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